Zeitungsbericht Kitzingen vom 11.02.2019

Sie blicken in den Untergrund

Ausgefeilte Technik und ganz viel Erfahrung: Kanaluntersuchungen per Kamera.

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Enrico Sieler und Hubert Liebl haben schon viel vom Freistaat gesehen. Ober- und vor allem unterirdisch. Derzeit sind die Experten in Sachen georeferenzierte Verlaufsmessung und Kanalinspektion in der Kitzinger Talstraße unterwegs. Der Auftrag der beiden ist klar: Sie sollen die Lage, den Verlauf und vor allem den Zustand der Kanäle dokumentieren. Die jeweiligen Einsatzgebiete bekommen sie von der Stadt mitgeteilt.

Vier große und einen kleinen Flachmonitor hat Enrico Sieler ständig im Blick. Dank modernster Technik gewinnen er und sein Kollege interessante Einblicke in die Kitzinger Unterwelt.

Der Lindauer Schere sei Dank

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Ein gesteuerter Fahrwagen mit einer Abbiegevorrichtung fährt durch den städtischen Hauptkanal und befördert die Spezialkamera an die zu untersuchenden Anschlüsse. Diese Spezialkamera wird dann mit einem Spiralkabel in die Anschlüsse eingeschoben. Die so genannte „Lindauer Schere“ überträgt die Vermessungsdaten und die Aufnahmen vom Inneren der Kanalrohre in Echtzeit ins provisorische Büro im Inneren des Lkw.

Mit mehreren Hebeln steuert Sieler den rund 50 Kilogramm schweren Fahrwagen durch den Kitzinger Untergrund. Dank einer 3-D-Darstellung auf einem der Bildschirme kann er die Lage der Kanalrohre genau feststellen und gegebenenfalls punktuelle Ortungen und Einmessungen an der Oberfläche durchführen. Vor allem dient die Inspektion dazu, mögliche Defekte der Abwasserleitungen rechtzeitig zu erkennen. „Wir geben alle Daten an unseren Auftraggeber, die Stadt, weiter“, erklärt Sieler. Die entscheidet dann, ob eine Sanierung oder eine Reparatur notwendig ist.

Mehr als die Hälfte geschafft

Seit etwa fünf Jahren werden die Abwasserkanäle in der Großen Kreisstadt befahren, seit 2017 werden so jedes Jahr rund 15 Kilometer Kanäle einschließlich der dazugehörigen Hausanschlussleitungen einer TV-Inspektion unterzogen. „Mehr als die Hälfte der Kanäle haben wir geschafft“, erklärt Helmut Wehr vom Kitzinger Tiefbauamt, der die Bilder und Daten auswertet. Von der Schadensklasse 1 bis zur Schadensklasse 5 reichen die Ergebnisse. Von „sofort sanieren“ bis „überhaupt nicht sanieren“.

In vielen deutschen Siedlungen stammen die Rohre aus den 60er und 70er Jahren und sind entsprechend reparaturbedürftig. „Sie haben sich gesenkt oder Risse bekommen“, erklärt Sieler. Oft verursachen auch die Wurzeln von Bäumen Probleme. „Die sind richtig scharf auf die nährreichen Abwässer und das feuchtwarme Kanalklima“, sagt Sieler. Also wachsen sie durch verwitterte Dichtungen oder suchen sich noch so kleine Wege durch Rohrverbindungen. An „Nährstoffe“ kommen sie fast immer ran. Bei einer Aufnahme traute Helmut Wehr seinen Augen nicht. In der Glauberstraße hatte sich das gesamte Wurzelwerk einer Platane breit gemacht. „Wahrscheinlich durch eine alte, nicht verschlossene Anschlussleitung.“

Derzeit ist der Bereich Talstraße, „Am Kalkofen“ und Jahnstraße mit den Untersuchungen dran. „Zunächst einmal machen wir eine Verlaufsmessung“, erklärt Sieler und zeigt auf einen der Flachmonitore. Die „Lindauer Schere“ wird bis an die Grundstücksgrenze der jeweiligen Hausbesitzer eingeschoben. Nicht weiter, wie Helmut Wehr betont. Dennoch sind Kommunikation mit und Sensibilität für die Anlieger wichtige Eigenschaften für die beiden Kanalinspekteure. „Es gibt nun mal Menschen, die sich vor so etwas wie einem unterirdischen Hausfriedensbruch fürchten“, sagt Sieler.

Neugierige Passanten

Seit 18 Jahren arbeitet er als Kanal-TV-Inspekteur, sein Kollege Hubert Liebl seit vier Jahren. Als Team sind der Sachse und der Oberpfälzer seit drei Jahren gemeinsam unterwegs. Sieler hat die Technik im Griff, Liebl die Maschinen. Normalerweise sind die beiden im südlichen Bayern eingeteilt. „Aber da liegt gerade viel zu viel Schnee“, sagt Liebl. Also hinauf nach Franken. Die beiden waren schon im ganzen Freistaat unterwegs. Bisher hat es in Kitzingen keine Probleme gegeben. Die Anlieger sind neugierig, die Passanten auf den Bürgersteigen auch. „Aber alle sind sie freundlich und hilfsbereit“, versichert Sieler.

Ganz langsam fährt der Fahrwagen durch den Untergrund, während Enrico Sieler erzählt. Manchmal stößt das Fahrzeug auf unerwartete Hindernisse. Blätter sind auf dem Monitor zu sehen, Fettablagerungen und immer wieder Wurzeln. Fäkalien tauchen auf dem Bildschirm im Inneren des Lkw auf, Kalk, Urinstein. „Es ist schon komisch“, sagt Sieler und muss lächeln. Seitdem die Bürger im Haushalt bewusster mit dem Trinkwasser umgehen, fehlt dieses als Transportmittel in älteren Abwasserleitungen. Es bilden sich Fettablagerungen, Kalkablagerungen und Urinstein, welche wiederum Verstopfungen der Abwasserleitung verursachen können. Rohrreinigungen im Untergrund sind jetzt häufiger nötig. „Und dafür wird jede Menge Wasser benötigt“, sagt Sieler und deutet auf den Bildschirm. Ein Klumpen Papier hat sich am Kanalboden angesammelt.

Immer was Neues auf dem Schirm

Ausnahmen von der Regel gibt es immer, konkrete Zeitangaben sind deshalb schwer zu tätigen. Im Moment sind die beiden Inspekteure in der Talstraße eingesetzt, danach geht es „Am Kalkofen“ und in der Jahnstraße weiter. Insgesamt werden sie ein paar Wochen in Kitzingen im Einsatz sein. Kein Problem: Die Arbeit macht den beiden Spaß. Und im Kitzinger Untergrund gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Dimensionen: Die Stadt Kitzingen betreibt eine Abwasseranlage mit einem Klärwerk und einem Kanalnetz mit einer Länge von rund 160 Kilometern und etwa 6.000 Kontrollschächten sowie zirka 10.000 Kanalhausanschlüssen mit ungefähr 50 Kilometer Kanalhausanschlussleitungen.

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Originalrtikel: www.infranken.de
Bilder: Ralf Dieter